Inhalt

Am Ufer des Lebens

Unerlaubte Gefühle?

Dürfen Abschiedsschmerz und Erleichterung miteinander tanzen?
Am Ufer des Lebens, wenn das Tor zur Anderswelt geöffnet ist, sind wir sensibler als sonst.
Der Nebel legt sich über das Land. Die Uhr wurde zurückgestellt. Die Dämmerung kriecht schon am frühen Nachmittag ins Wohnzimmer. Es sind die Tage, an denen wir unseren Ahninnen und Ahnen gedenken. Ich erlebe diese Zeit heuer besonders nah, meine Schwiegermutter haben wir am Samstag begraben, tags darauf ist meine Mutter verstorben.
Sobald wir mit Tod konfrontiert werden, können wir unsere Gefühle weniger im Alltagstrubel verdrängen. Gut, wenn wir gelernt haben, dass es keine „guten“ und „schlechten“ Gefühle gibt. Aber das ist eine schwierige Lektion.

Wer darf weinen?

In meiner ersten Ehe habe ich erlebt, dass Weinen als Schwäche gesehen wird. Leider ist dies in manchen Milieus noch immer so. Insbesondere Männer dürfen nicht weinen. Das finde ich traurig. Wir wünschen uns Männer, die zu ihren Gefühlen stehen. Gefühlvolle Menschen erlauben sich alle Emotionen. Liebe, Freude, Wut, Trauer, Schmerz.
Menschen, die den Zugang zu ihren Gefühlen gekappt haben, benehmen sich in Ausnahmesituationen manchmal sonderbar. Wenn die Trauer keinen Raum bekommt, sucht sie sich ein anders Ventil, oft ist dies Wut und Aggression. Das zu wissen erleichtert uns wiederum, diese auszuhalten.

Wer hält es aus, wenn jemand weint?

Vor vielen Jahren, als der Tod meines damaligen Lebensgefährten schon einige Wochen zurück lag, schrieb ich ein Gedicht über das Baden im Trauersee. Tränen können helfen, Gefühle zu managen. Tränen können helfen, Schmerz fortzuwaschen. Nicht selten passiert es, dass andere aber diese Tränen nicht aushalten. Glauben, sie müssten etwas tun, wo es nichts zu tun gibt. Helfen ist viel einfacher, als nichts tun können.
Dableiben. Standhalten. Nicht in die Knie gehen. Das ist alles, was zu tun ist. Das ist hilfreich.

Wer muss traurig sein?

Die Bindung zu unseren Familienmitgliedern ist unterschiedlich. Unsere Eltern haben uns das Leben geschenkt. Was dann passiert ist, ist höchst individuell. In zahlreichen Aufstellungs-Situationen habe ich es erlebt, dass erwartete Liebe und Zuneigung in diesem Leben nicht möglich ist / oder so nicht möglich ist. Aus verschiedensten Gründen. Wir können Verständnis aufbringen. Wir können Grenzen einziehen. Wir können auf andere Art einen gesunden Umgang damit finden. Und wir dürfen dann freundlich mit uns sein, wenn wir beim Abschied nicht in Trauer versinken. Mag sein, dass die Umwelt das nicht versteht. Muss sie auch nicht. Wichtig ist, dass du dich selbst verstehst und dir erlaubst, zu fühlen, was gerade da ist.

Wenn Abschiedsschmerz und Erleichterung miteinander tanzen?


Das ist häufig der Fall. Vor allem, wenn Menschen viel Aufmerksamkeit und/oder Pflege gebraucht haben. Auch Erleichterung darf da sein! Ich hab meine Schwiegermutter sehr geliebt. Die Besuche im Altenheim, vor allem jene zum Schluss, als kaum mehr eine Kommunikation mit ihr möglich war, vermisse ich nicht. Es braucht etwas Mut, mir das einzugestehen.

Wie das Kind am Rockzipfel


Und zu guter Letzt: Gefühle sind nur Gefühle. Du bist nicht das Gefühl. Du fühlst. Ein Gefühl will beachtet werden. Wie das quengelnde Kind. Du kannst noch so oft sagen, „gib endlich Ruhe“. Es wird ruhig, wenn du ihm die nötige Aufmerksamkeit geschenkt hast. Zugehört hast, was sein Bedürfnis ist. Das Kind geht dann wieder spielen. Das Gefühl auch. Schreiben ist ein wunderbare Methode, Gefühlen ein „Ohr“ zu schenken. Schreiben hilft auch, Klarheit in Gefühlchaos zu bringen.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert