Allerorts sprieĂt es aus dem Boden â der FrĂŒhling ist unaufhaltsam đ·. Die Tag-und-Nachtgleiche ist der offizielle FrĂŒhlingsbeginn. Exakt vorgestern um 10:01 Uhr war es so weit. Ich finde das lustig, so auf die Minute genau berechnet. Nur fĂŒr einen kurzen Moment sind Licht und Dunkelheit exakt ausbalanciert â und im nĂ€chsten Augenblick hat der Tag schon die Oberhand.
So wie sich Tag und Nacht stÀndig die Hand geben, so bewegt sich auch unser Leben zwischen GegensÀtzen: Arbeit und Freizeit, Sicherheit und Risiko, VerÀnderung und BestÀndigkeit. Wir sind gefordert, Balance zu halten, dabei schafft das selbst Mutter Natur nur zweimal im Jahr.
Also kein Wunder, dass auch wir uns da manchmal schwer tun. Mal ist das eine wichtiger, mal etwas anderes. Und wenn wir uns endlich fĂŒr etwas entschieden haben, kommt vielleicht noch der innere Kritiker und stellt wieder alles in Frage, will uns weiĂ machen, dass das andere sicher besser gewesen wĂ€re, und so weiter.
Entscheidungen: Ein Ja ist immer auch ein Nein
Wir stehen tĂ€glich vor Entscheidungen. Ein Ja zu einer neuen beruflichen Herausforderung heiĂt vermutlich ein Nein zu mehr Freizeit. Ein Ja zur SelbststĂ€ndigkeit bedeutet ein Nein zur Sicherheit des AngestelltenverhĂ€ltnisses. Arbeit im Garten, also keine Zeit fĂŒr Enkelkinder. Und so weiter.
Vor allem im FrĂŒhling, wenn meine GĂ€rtnerinnen-Seele alles auf einmal umgraben will, komme ich ins Schleudern. Wenn die Enkelkinder warten mĂŒssen, weint die GroĂmutter-Seele.
Gut ist, dass wir uns nicht unwiderruflich fĂŒr eine Seite entscheiden mĂŒssen. Die Natur macht das ganz pragmatisch: Die HĂ€lfte des Jahres mehr Licht, die andere HĂ€lfte mehr Dunkelheit. Der Wechsel zur Tag-und-Nacht-Gleiche vollzieht sich so sanft, dass er fast unbemerkt bleibt.
Das Tetralemma â ein spannendes Entscheidungsmodell
Es gibt ein tolles Aufstellungs-Format, das Tetralemma, das von Insa Sparrer und Matthias Varga von KibĂ©d entwickelt wurde. UrsprĂŒnglich geht das Tetralemma auf eine indische Logik zur Entscheidungsfindung in Gerichtsverfahren zurĂŒck.
Im Tetralemma werden das Eine, das Andere, Beides und Keines aufgestellt und dazu kommt noch ein freies Element, das die Ordnung aufbricht, das unkonventionelle oder ĂŒberraschende LösungsansĂ€tze aufzeigt.
Das Prinzip des Sowohl-als-auch
Anstatt uns im Entweder-oder zu verlieren, lohnt es sich, nach Wegen zu suchen, wie wir beides vereinen können. Bestimmt kommt da ein Schlaumeier mit dem abgedroschenen Satz: âMan kann nicht alles haben.â BlĂ€h! Wenn ich das höre, sage ich gern: âMan nicht, ich schon.â đ
Was heiĂt alles haben? Alles bedeutet: Ein Leben voll Freude und Sinn. Michael Ende beschreibt in seinem Buch âMomoâ eindrucksvoll, was passiert, wenn wir uns ausbeuten, um spĂ€ter ein schönes Leben zu haben. Es macht wenig Sinn, auf Erden zu leiden, damit wir spĂ€ter in den Himmel kommen. Her mit dem schönen Leben â und zwar jetzt! Selbst Johannes der TĂ€ufer sagte: âDas Himmelreich ist inwendig in euchâ. Also jetzt hier und heute!
Friede-Freude-Eierkuchen
Schauen wir wieder Mutter Natur zu. Es gibt eine Zeit im Jahr, da hat das Licht sehr wenig Raum, die Dunkelheit ist ĂŒbermĂ€chtig. Auch das gibt es in jedem menschlichen Leben: Schwere Zeiten. MĂŒhsal. Herausforderungen, die uns schier ĂŒberwĂ€ltigen. Wo bleibt da das schöne Leben? Gerald HĂŒther formuliert: âMöge uns das Leben Herausforderungen geben, damit wir wachsen können.â
Schau beim nÀchsten Spaziergang einem Schneeglöckchen oder einem Krokus zu, wie es mit seinem zarten Köpfchen die Erde durchbricht. Welche Kraftakt!
Wo kannst du Balance schaffen?
- In welchen Bereichen deines Lebens fĂŒhlst du dich hin- und hergerissen?
- Gibt es eine Möglichkeit, beides zu integrieren, statt dich fĂŒr eine Seite zu entscheiden?
- Welche kleine VerÀnderung kannst du heute vornehmen, um mehr Balance zu schaffen?
đ Ăbung: Deine persönliche Tag-und-Nacht-Gleiche
- Schreibe zwei Listen: eine mit Dingen, die StabilitÀt und Sicherheit geben, und eine mit Aspekten, die Herausforderungen bergen, wo VerÀnderung angesagt ist.
- Ăberlege, wie du eine BrĂŒcke zwischen beiden schlagen kannst â sei es durch kleine Kompromisse oder neue Denkweisen.
- Finde fĂŒr jede Liste eine Ăberschrift. Schreib einen Dialog dieser beiden Aspekte.
- Setze eine konkrete Handlung um, die beide Seiten berĂŒcksichtigt.
đ Teile deine Kernbotschaft gerne in den Kommentaren.
Zum Weiterlesen
đ Michael Ende: Momo. Verlag Thienemann
đ Matthias Varga KibĂ©d, Insa Sparrer: Ganz im Gegenteil. Carl Auer Verlag, 2023
đ FOCUS Magazin | Nr. 23 (2012) Siegen lernen. Ohne Herausforderungen verblöden wir.






0 Kommentare